Dokumentationswut und Bürokratieausbau : Verschriftliche Dein Leben
Es gibt im Sozial-und Gesundheitswesen, wahrscheinlich allgemein in der
Arbeitswelt, zwei scheinbar widersprüchliche, aber sich direkt
bedingende Entwicklungen:
- mehr Arbeit soll von weniger Menschen schneller gemacht werden
- die Qualität soll durch mehr Kontrolle und schriftliche Erfassung der Arbeit gewährleistet werden.
Dokumentationskontrolle soll Qualität erzwingen, die durch zu hohe
Verdichtung der Arbeit und Personalabbau im Sinken begriffen ist. Ist
aufgrund der zu geringen Mitarbeiterzahl ein Fehler gemacht worden,
kann anhand der Dokumentation - oder des Fehlens von Dokumentation -
jemand verantwortlich gemacht werden. Die systembedingte
Fehleranfälligkeit wird so individualisiert - auf das
Fehlverhalten des nicht dokumentierenden Mitarbeiters reduziert.
Die Kontrolle und schriftliche Erfassung der Arbeit folgt bestimmten
methodischen Vorgehensweisen, die positivistische
Sozialwissenschaft für ihre Experimente und Untersuchungen
anwendet; daher werden diese methodischen Vorgehensweisen oft auch als
"wissenschaftlich" bezeichnet. Die positivistischen
Sozialwissenschaften folgen einem atomistischen Erkenntnis-Prinzip,
wonach eine detaillierte Einzelbeobachtung zuverlässiger und
weniger vorurteilsbehaftet ist als eine allgemeinere Einschätzung.
Die Wetter-Beobachtung, die aus hunderten von Einzelwerten über
Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit usw. besteht, hat mehr mit
Wissenschaft zu tun als eine verbale Mitteilung über das erlebte
Wetter. Fehler in einem Produktionsprozess werden schneller erkannt,
wenn diese detailliert aufgezeichnet werden. Eine
verhaltenstherapeutische Selbstbeobachtung, bei der mit einer
Strichliste oder einem Tagebuch bestimmte Verhaltensweisen festgehalten
werden, bringt vielleicht umfangreichere Informationen als eine aus der
Erinnerung geschöpfte Einschätzung, die verschiedene
Trübungen enthält.
Aus diesem scheinbar eindeutigen Sachverhalt folgt im sozialen Bereich
die massenhafte Sammlung von Daten in allen möglichen
Arbeitssituationen, meist ohne zusätzlich dafür
bereitgestellte Arbeitszeit - schlimmer noch, parallel zu
Rationalisierungen. Daten, deren Sammlung kreative und innovative
Arbeit erschweren und behindern kann, und deren Kumulation als
Datengiftwolke und Datenfriedhof das Arbeitsklima vergiftet.
Beispiel aus der Altenpflege: die Altenpflegerin soll jeden
pflegerischen Vorgang noch im Zimmer des Bewohners dokumentieren;
darüberhinaus wurde sie vom Gesundheitsamt angewiesen, sich auch
jede ausgehändigte Praline, die sie für den demenzkranken
Bewohner aufbewahren musste, schriftlich quittieren zu lassen. Die
Altenpflegerin schätzt, dass sie für die
Dokumentations-Aufgaben mindestens 20% der Arbeitszeit aufbringt;
gleichzeitig ist sie frustriert darüber, dass sie keine Zeit mehr
hat, mit den Bewohnern ein paar Worte zu wechseln.
Beispiel aus der mobilen Altenpflege: jeder Vorgang wird in einem
tragbaren Kleincomputer eingegeben, für den so wichtigen Plausch
mit den Senioren bleibt kaum Zeit, nach Ablauf der Schicht wird der
Kleincomputer in der Zentrale angeschlossen und eingelesen; statt
Teambesprechungen wird jetzt viel Zeit für die Einweisung in die
geforderte Dokumentation geopfert: Es macht keinen Spaß
mehr! Kontrolle und Verschriftlichung lähmen Initiative
und Kontakt.
Beispiel auf den Kindergarten: Für jedes Kind wird eine
ausführliche Dokumentation gefordert, die von Zeit zu Zeit auch
von den beaufsichtigenden Ämtern überprüft wird; dies
hat zur Folge, dass etwa 20% der Arbeitszeit für
Dokumentationsaufgaben verwendet werden.
Beispiel aus der Schule: der Lehrer soll nach jeder Stunde zu jedem
Schüler markante Auffälligkeiten dokumentieren; zu den
fünf Kopfnoten gibt es bestimmte Erfassungbögen, auf denen er
zu jeder der fünf Kopfnoten noch einmal 12 Unterkategorien
abgefragt werden, die einzeln zu beantworten sind und deren
Durchschnitt dann wissenschaftlich einwandfrei die Kopfnote sein soll!
Infolge der PISA-Studie und des Globalisierungsszenarios werden in den
Medien Modelle hochgejubelt, in denen von den Lehrern gefordert wird,
zu JEDEM Schüler in JEDER Unterrichtsstunde Dokumentationsnotizen
zu machen. Toll, bei 30 Schülern braucht man dafür,
wenn halbwegs was Inhaltliches aufgeschrieben werden soll, zwei
Stunden. Folge für viele Lehrer: Resignation, schlechtes Gewissen,
diesen Forderungen nicht nachkommen zu können, oder schlicht Wut
über die Weltfremdheit solcher Forderungen.
Beispiel aus Programmentwicklung: "Wenn die Haupttätigkeit zur
Nebentätigkeit wird und die Nebentätigkeit zur
Haupttätigkeit, dann stimmt etwas nicht. Die Haupttätigkeit
ist das Entwickeln und die Nebentätigkeit ist die Dokumentation.
Wenn es in unseren Gesprächen emotional wurde, dann konnte man mit
ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß von den
Dokumentationspflichten die Rede war. Sie haben sich epidemisch
vermehrt aufgrund mehrerer Einflüsse: das Zertifizierungswesen
samt Qualitätsmanagement,das Informationsbegehren des
Top-Managements, das Kennzahlen-Management, die
Prozeßkettenfixierung, etc. Hinter all der Dokumentationswut
steht der hybride Gedanke,daß die Planung des
Innovationsprozesses umso besser gelingt, je mehr Daten gesammelt
werden. Da sich diese Engineering-Vision in der
Innovationswirklichkeitseit jeher nicht erfüllt hat, können
die Betriebe auch mit wesentlich weniger Symbolisierung auskommen, ohne
viel zu riskieren. Für die Entwickler wäre die
Verringerungdes bürokratischen und administrativen Ballasts eine
enorme Erleichterung und eine große Schonung ihrer Nerven.(Aus:
Der innovative Ältere,Warum die Entwickleruhr länger als
sieben Jahre tickt; Autoren: Hans Günter Grewer, Ingrid
Matthäi, Josef Reindl ; Studie im Auftrag des BMBF
Saarbrücken 2006)
Beispiel aus der Psychotherapie: Grawe und andere haben schon in den
neunziger Jahren in einem ausführlichen Artikel ein System
vorgeschlagen, wobei der Patient wie der Therapeut nach jeder einzelnen
Stunde einen ausführlichen Fragebogen beantworten, auf dem dann
ein genaues Verlaufs-Diagramm der Gespräche erfasst werden kann.
Überbordende Dokumentationspflichten in den psychosomatischen
Kliniken, Prozessdiagramme legen die vorher situativ gestaltbaren
Arbeitsverläufe in Betonkanäle bestimmter Ablaufvorschriften.
Gehirngerechtes Arbeiten - wie es Grawe später in seinem Buch
"Neuropsychotherapie" entwickelt hat - sieht anders aus!
Es gab und gibt natürlich auch andere Tendenzen, z.B. im
Sozialwesen, an sie hier erinnert werden soll: die therapeutische
Gemeinschaft zum Beispiel, in der der Austausch der dort tätigen
wie der Bewohner größere Rolle spielt als die
schriftliche Dokumentation, wo Erkenntnisprozesse durch Diskussionen,
durch gemeinsame Meinungsbildung, durch Gruppenprozesse gefördert
wurden, oder Austausch zwischen Bewohnern und Mitarbeitern eine
größere Rolle spielte als die Dokumentation, ob das Handtuch
heute ausgetauscht worden ist. Manche bezeichnen diesen Ansatz in der
Psychotherapie als einen "romantischen" Ansatz , in dem die
inneren Bilder und Fantasien der Beteiligten wichtiger sind als exakt
erfasste Zahlwerte. Dieser Ansatz, von Ellenberger bis weit vor die
Zeit der Romantik zurückverfolgt und in vieler Hinsicht
übereinstimmend mit einem psychodynamischen Denken, hat die
soziale Entwicklung der sechziger und siebziger Jahre in den westlichen
Ländern sehr stark vorangebracht: Jugendhäuser,
selbstverwaltete Zentren, gemeindepsychiatrische Projekte wurden von
diesem Impetus vorangetrieben. So wie die Dokumentationswut des
Empirismus übertrieben werden kann, wurde vielleicht auch dieser
romantische Ansatz tot geritten, wenn es dann Teams gab, die kaum dazu
kamen, mit den ihm anvertrauten Personen zu arbeiten, weil sie viel zu
viel Zeit dafür benötigten, um ihre internen Konflikte zu
bearbeiten, Nabelschau zu betreiben oder einfach nur Kaffee zu trinken.
Heute aber haben wir eine gegenläufige Entwicklung: der
Zangen-Griff von Dokumentationstechnologie und Kontrollwut einerseits
und Personalkürzung andererseits erstickt Arbeitsfreude,
Motivation und Lebensmut vieler Menschen, die ihm ausgesetzt sind.